Pressestimmen FAUST von Johann Wolfgang Goethe


John Friedman, „New York Times“, 29.09.2002

„Faust“ ist eine hervorragende und lebendige Aufführung von Ljubimow, in der sich in zwei Stunden die Ereignisse beider Teile von Goethes Werk entfalten“.

D.W. Fomin, k.i.n., „Faust an der Taganka: Ein Geschwindigkeitstest“

Während der Regisseur sich eine tollkühne, fast unerfüllbare Aufgabe stellt – das Theaterstück, das schon etwa 24 Stunden Lesezeit in Anspruch nimmt, in einer Spielzeit von eineinhalb Stunden zu inszenieren – bringt er unvermeidliche Opfer: Das Sujet wird notgedrungen schematisch, verliert einige Nuancen, verwandelt sich in ein Mosaik aus den Scherben des klassischen Textes. Das Stück überzeugt dabei aber in der Hauptsache – die Idee von Goethe (eigentlich das erste Mal auf der russischen Bühne) erfährt eine einheitliche, dramatische Konstruktion, der Zuschauer bekommt die Möglichkeit, die Konturen des grandiosen Werkes zu betrachten ohne sich in Details zu verlieren, wie aus der Ferne. Die kräftigen Textkürzungen werden mit rein theatralischen Mitteln kompensiert: Nicht nur mit dem leidenschaftlichen Auftritt der Schauspieler, sondern auch mit der asketischen und beweglichen Szenerie von B. Messerer, der paradox eklektischen Musik von W.Martynow und den Tänzen (Stepptanzchoreografie von W. Beljajkin).

Olga Korschunowa, „Ekran i szena“, Juni 2002

Die Aufführung beginnt mit einem frechen Lächeln Ljubimows. Mit zusammengefalteten Händen und flatternden Flügeln aus Orenburger Tüchern über Kopf und Schultern singen die Teilnehmer, in Engel verwandelt, ein Lied. Durch die Menge drängelt sich der Schauspieler Timur Badalbejli nach vorn.
Sein Mephistopheles, im schwarzen Frack mit blutrotem Futter und einem überraschenden, roten Tiroler Hut mit Feder, ist geschmeidig, klug und scharfsichtig. Vor Gott schlängelt er sich und hebt untertänig die Augen. Doch hier, auf der Erde, ist er prinzipienlos und grob. Mal einschmeichelnd, mal vorsichtig, spinnt er eine Intrige, die weder Mitgefühl, noch Angst kennt und lässt des Öfteren, im Hintergrund am Flügel sitzend, alle nach seiner Pfeife tanzen.
Sein Gefolge sind miese Kreaturen: Dämonen, Hexen, Waldgeister und Teufelchen. Nach dem Ablegen der Flügel, in schmalen schwarzen Hosen und Frack, mit weißen Hemden und Fliegen, erinnern die Schauspieler jetzt an Croupiers, die die satanischen Spiele bedienen.

Es sind Studenten des ersten Studienjahrs, vom Meister des „Musiktheaters“ RATI ausgewählt. Sie sausen in einem wunderlich fliegenden Reigen vorbei, verdrehen dabei die Komposition und verwischen die eine Episode nach der anderen. In der Musik von Martynow sind Glockengeläut und das Knirschen von Metall. Es scheint, als ob die Chöre die Bühnendimension auseinanderrücken.
Der Klient und das Opfer von Mephistopheles ist Faust (Alexander Trofimow). Er ist groß, grauhaarig, mit langsamen, geschmeidigen Bewegungen und singender heiserer Satzmelodie. Ein phlegmatischer, von Lebenserfahrungen übersättigter Mensch im langen, schwarzen Äskulapmantel. Der Doktor hat es schwer auf der Welt. Manchmal scheint er uns verrückt zu sein, aber nie zynisch. Als Gegengewicht zum alten Faust schließt der Regisseur in die Umlaufbahn der Aufführung einen jungen Faust ein (W. Tschernjajew).

Oleg Sinzow, „Wedomosti“, Nr. 178 vom 2.10.2002

In der Aufführung “Faust” tanzen die Hexen mit Besen in den Händen Stepptanz und Foxtrott, Gretchen (Alexandra Bassowa) singt mit einer hohen Stimme rührende Arien, teuflisch geschickt ist in der Rolle des Mephistopheles Timur Badalbejli, der äußerlich dem neuen Thrillerhelden aus Hollywood Vin Diesel in nichts nachsteht. Und auf die Vorbühne springt immer wieder Felix Antipow in Frack und Zylinder und treibt die Schauspieler an: „Besonders aber lasst genug geschehn! Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.“

Natalia Kusmina, „Kultura“, Nr.3 2002

Ljubimow ist vom alten Faust fasziniert. Im tragischen durchdachten Auftritt von Alexander Trofimow ist er ein Philosoph und, dank der Erfahrungen und Umstände, ein Beobachter: Ein Mensch, der den übermenschlichen Stolz überwunden und die Endlichkeit des Seins begriffen hat und trotzdem nicht das Wort, nicht den Gedanken, nicht die Kraft, aber die Tat wählt.
Eine der stärksten Episoden der Aufführung ist die Blendung Fausts durch die Sorge (Ljubow Seljutina). Der Held kann jetzt weder sein Ideal, die schöne Helena erkennen, noch die Formel der ewigen Weiblichkeit finden, sondern ist jetzt endlich in der Lage, sich die Welt nicht mehr zu Herzen zu nehmen und so möglicherweise Licht und Ruhe zu finden. Der letzte Augenblick eröffnet Faust die Wahrheit: Das Leben selbst ist wunderschön, mit all seinen Versuchungen, Qualen und Verführungen.
In Frack und Melone erstürmt eine Horde kleiner Teufel unter der Führung von Mephistopheles die Bühne. Er trägt einen roten Hut mit einer Hahnenfeder und einen Frack mit blutrotem Futter. In Begleitung der berühmtesten Melodie von Scott Joplin steppen sie, dass sogar dem Leibhaftigen heiß wird. Keuchend wischt er sich die Glatze ab. Noch ein wenig, und das junge Heer von Ljubimow wird nicht schlechter arbeiten, als das berühmte
„Chorus Line“ vom Broadway.

Ljubimow erzählt Goethes romantische Tragödie der menschlichen Geschichte als das lehrreiche Leben eines Menschen. Unter die Schablone von Goethes Poem legt er wie selbstverständlich, seine eigene Biographie und markiert mit dem Stift des Regisseurs die wichtigen Sätze und Gestalten.
Die Idee ist auch sehr klar in der Gestaltung des Bühnenbildes realisiert (B.Messerer). Die visuellen Mittelpunkte von „Faust“ sind die zwei berühmten Zeichnungen von Leonardo da Vinci: Der mit gespreizten Händen im Kreis und Quadrat stehende Mensch und der menschliche Embryo im Mutterleib. Der Kreis und das Quadrat drehen sich und symbolisieren den Gang der Zeit. Der Embryo, in Form eines Apfelsinenschnitzes ist aus Eis gehauen und hängt über der Bühne. Im Laufe der Vorstellung schmilzt er lautlos dahin. Mit diesem überwältigenden Bild, (welches als harmloser Theaterwitz empfunden werden kann), warnt Ljubimow sich selbst und jeden Zuschauer vor der täglichen Plattitüde: Das Leben hängt an einem seidenen Pfaden und schmilzt vor den Augen weg.

Alisa Nikolskaja, „Teatralnaja kassa“, Juni 2002

Was ist eine „Markenaufführung“ von Jurij Ljubimow? Es ist immer ausgezeichnete und komplizierteste Literatur, filigran aufgebaute Form, die der Konstruktion eines Musikwerkes ähnelt, hervorragende Theatertruppe, wo verschiedene Generationen wunderbar zusammenarbeiten. Das wichtigste aber ist die Frische der Weltanschauung, die Klarheit und Verständlichkeit des Gedankens. Ljubimow weiß immer, wie und wovon er zu jedem Zeitpunkt mit dem Zuschauer sprechen soll.

Auf der Bühne herrscht ein ständiger Wirbel, ein Karneval, eine Theaterorgie. Eine lustige Menge in Fracks und Melonen á la Chaplin tanzt flott einen Steptanz und verkörpert damit die Naturkraft, die dunkle von Mephistopheles (Timur Badalbejli), eines findigen Kerls, der gleichzeitig geschickt die Hexen beschwört und Beethovens „Mondscheinsonate“ am Flügel spielt, und die helle von Gretchen (Alexandra Bassowa), einer jungen Sirene mit betörender Stimme. Beide führen Faust in Versuchung, und es ist unklar, was gefährlicher ist, die Lust des Fleisches oder die wahre Liebe, der Egoismus oder die Selbstaufopferung.

Jurij Ljubimow philosophiert und unterhält, er klügelt und verstellt sich, verführt und zeigt den wahren Weg. Er ist für das heutige Publikum ein Prophet, ein Herrscher über Seelen, Mephistopheles und Faust in einer Person.

Die Aufführung wurde von Jurij Ljubimow am Theater an der Taganka inszeniert. Die Premiere fand am 30. September 2002, anlässlich des 85. Geburtstags von J.P. Ljubimow, statt.



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