ZIRKUS RODTSCHENKO

Haus der Fotografie, Moskau

TERMINE:

Berlin 02.10.03 - 21.11.03 Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur

Im Januar 1940 übergaben Alexander Rodtschenko und Warawara Stepanowa der Redaktion der Zeitschrift „Baustelle UdSSR“ („SSSR na strojke“) ihren Vorschlag, eine Sondernummer zum Thema „Zirkus“ zu machen. Im April 1940 erhielt Georgij Petrusow den Auftrag, Fotos für diese Nummer anzufertigen. Die Redaktion war an Rodtschenkos Mitarbeit interessiert- vorläufig allerdings ohne Vertrag und Bezahlung, denn Petrusow hatte als Vorschuss bereits die Hälfte des Honorars erhalten, weil er fast ein halbes Jahr auf eine Auftragsarbeit gewartet hatte.

Ende April gingen Rodtschenko und Petrusow in den Zirkus, sie haben sich das Programm angesehen und die Bedingungen zum Fotografieren. Am 23. April 1940 wurden die ersten Aufnahmen gemacht. Das Ergebnis – zu dunkel, die Details und Schatten kamen schlecht zum Ausdruck. Die beiden Fotografen arbeiteten auch im Mai auf den Proben sowie bei den Nachmittags-und Abendvorstellungen. Der Moment des Fotografierens ist auf einem Foto von Rodtschenko festgehalten. Petrusow wurde als besonders wertvolles Frachtgut in eine Vogelkäfig-ähnliche Kabine gesetzt und bis unter die Kuppel hochgezogen. Er schwebt über der Manege, schaut sich angstvoll nach allen Seiten um, auf der Brust baumelt wie immer seine „Leika“. Er wurde von Scheinwerfern angestrahlt und auf den Seitenwänden rechts und links sieht man die Schatten eines an der Schaukel hängenden Menschen.

Das Konzept für diese Nummer und den Begleittext hatte der Schriftsteller L.W.Nikulin verfasst. Im Oktober 1940 bereiteten Rodtschenko und Stepanova einen ersten Entwurf vor, aber das Finale klappte irgendwie nicht. Noch mehr Nummern und Szenen waren notwendig.
Stepanowa fand eine Beschreibung des Prozesses der Solarisierung und bat in der Redaktion darum, den Text übersetzen zu lassen.

Die Graphiker wollten irgendeine neue Drucktechnik ausprobieren, die Gestaltung lebendiger machen, phantastischer und irrealer. Damit lässt sich die unübliche Form der Beschneidung der Fotos in den Fotomontagen erklären. Alle Figuren sind mit einem großen Stück Hintergrund ausgeschnitten und diese zweite Kontur hat weiche, abgerundete Umrisse, vergrößert gewissermaßen die Figur, macht deren Silhouette ausdrucksstärker.

Endlich, im April 1941 bekommt Stepanowa das gesamte Illustrationsmaterial und die nachfotografierten Bilder. Die Redaktion prüft die erste und die zweite Variante des Entwurfs. Im Mai ist die Endmontage der Seiten fertig, inklusive das prinzipielle Layout. Fast auf jeder Seite gibt es helle Rechtecke mit schwimmend abgerundeten Rändern. Das ist der Platz für kurze verbindende Texte. Schließlich war die Zeitschrift „Baustelle UdSSR“ vor allem eine Zeitschrift der bildenden Kunst. Der ganze Text bestand oft aus nur ein paar wenigen maschinenschriftlichen Seiten und war so etwas wie Untertitel zum Film.
Am 17. Juni übergab Stepanowa den Umschlag der Zeitschrift. Am 22. Juni begann der Große Vaterländische Krieg.

Was ist von der Geschichte geblieben, die vor mehr als 60 Jahren geschah? Erhalten geblieben ist ein winziger (9x12) Entwurf für die Nummer mit abgebrochenen Rändern, stellenweise vergilbt, stellenweise mit verblichenen Abbildungen. Einige Fragmente mussten praktisch nach den bekannten Fotos restauriert werden. Auf der Rückseite dieser Kontrollseiten stehen rätselhafte, von Hand der Stepanowa geschriebene „kr“ (rot) und “sin“ (blau). Das sind die Angaben für die Farben der Seiten. In „Baustelle UdSSR“ wurden die schwarz-weißen Fotos in verschiedenen Schattierungen gedruckt. Violett, braun, blau und rot, sogar grün wechselten sich Doppelseite für Doppelseite ab und erzeugten so den Eindruck einer bunten Farbzeitschrift.

Einige Seiten von „Zirkus“ sollten rot gedruckt werden, andere blau. In der Computerrekonstruktion der Zeitschrift wurden diese Farben speziell für die Ausstellung nach den erhalten gebliebenen Nummern von „Baustelle UdSSSR“ korrigiert.

„Zirkus“ war die letzte Ausgabe dieser legendären Zeitschrift. Legendär war sie, weil in ihrem Auftrag die gesamte Creme der sowjetischen Fotografie der 30er Jahre fotografierte: Alpert, Ignatowitsch, Schaichet, Schagin, Selma, Kudojarow, Petrusow und Rodtschenko. Zu den Designern der Zeitschrift gehörten El Lissizky und seine Gattin Sofja Kuppers, Solomon Telingater, Michail Troschin und sogar Rodtschenko und Stepanowa. Außerdem sind von dieser alten Geschichte Fotos erhalten geblieben.

Die Zirkusfotos von Rodtschenko sind im Endergebnis mehr als nur einfach dokumentierte Nummern, Szenen und Künstlerportraits. Diese Fotografien sind selbständige Werke der Fotokunst geworden, eine der letzten Serien von Rodtschenko, Widerspiegelung seines Lebens und seiner Sichtweise.

Fast die ganze Zirkusserie von Rodtschenko in den 40er Jahren wurde mit der „Leika“ aufgenommen, mit dem weichzeichnenden Objektiv „Tambar“. Im Zirkus wird immer kontrastierend eingestelltes Licht benutzt. Die Besonderheit dieses Objektivs besteht darin, dass es erstens ein Objektiv mit langem Focus ist und zweitens ermöglicht es dank seines optischen Schemas „in Rauch gehüllte“ Darstellungen zu bekommen. Das Scheinwerferlicht erzeugt zauberhafte Aureolen um die Figuren. Die Lichtflecke auf den Kostümen der Artisten gehen ineinander über. Alles sieht wie in einem Zaubertraum aus.

Das ist ein ganzes Programm von Zirkusnummern.
Zuerst der Auftritt aller. Alle Lampen sind eingeschaltet und die Artisten betreten die Manege. Das Licht erlischt. Die als Partner arbeitenden Akrobaten bauen Pyramiden aus lebenden Körpern. Sie werden von den Estafjews abgelöst – das sind Artisten, die Akrobatenkunststücke reitend oder stehend auf galoppierenden Pferden vorführen.
Der Jongleur tritt auf, der - unklar wie – mit dem Magnetismus seines Blicks Kugeln im Gleichgewicht hält. Und daneben der Unruhebruder Clown Karandasch (Bleistift) (Michail Rumjanzew). Er hat einen großen Holzlöffel im Mund, auf den er einen blöden bunten Ball legt und einen unglaublich kompliziertes Kunststück zeigt, bei dem der Ball auf dem Löffel gehalten wird.

Die nächste Nummer – eine Frau im Rad. Sie dreht sich wie wild in einer Metalltrommel mit grellen Lämpchen. Die Trommel aber ist einem Viermeterstab befestigt, den ein in der Mitte der Manege stehender Aquilibrist auf der Stirn balanciert.

Die Wawilows sind Fassspringer. Auf Podesten verschiedener Höhe sind weiße Fässer mit glitzernden Ringen aufgestellt. Der Artist springt hoch und runter, wobei er mit den Beinen genau die Fässer trifft, zuerst mit offenen Augen, dann mit verbundenen. Dabei sitzt eine Akrobatin auf seinen Schultern. Dann beginnt Karandasch, mit diesem Mädchen zu spielen. Er rutscht auf der Bank immer näher an sie heran, sie steht leise auf, die Bank kommt aus dem Gleichgewicht und der erfolglose Kavalier Karandasch rutscht in die Manege.

Die Artisten Tarasow turnen in der Luft. Für ihr gefährliche Nummer entwirft Rodtschenko sogar die Kostüme. Schwarz, silberne und weiße Umrandung – die Farbskala der Fotografie. Die Artisten in Mänteln erinnern irgendwie an den berühmten Betman. Ein paar Sekunden und schon laufen sie auf dem Seil, manchmal fahren sie sogar Fahrrad unter der Kupperl.
Auf einem Foto ist die Nummer von Valentina und Michail Duklass „FliegenderTorpedo“ festgehalten. Die Premier fand bereits im Sommer 1936 statt. Ein merkwürdiges Raumschiff, im Sinne von Ziolkowskis Projekten, kreist unter der Kuppel. Eine Artistin in kurzem weißen Mantel dreht sich mit ausgebreiteten Armen und hält sich dabei nur an einem Seiul mit Mundstück.

Der zweite Teil. Das sind in der Regel dressierte Tiere. Die Löwen der Bändigers M. Borisow springen durch einen Ring. Die theatraliserte Vorstellung von Wladimir Durow. Er redet mit einem Hahn, erscheint auf einem Elefanten sitzend, ist Schiedsrichter bei einem Boxkampf zwischen einem Känguru und Karandasch, eine Seerobbe jongliert auf seinen Befehl mit einem Ball. Durow selbst sieht in seinem weißen Jabeau eher wie ein Zauberer aus.
Das Finale der Show – „Parade-allez“: die Artisten verabschieden sich von den Zuschauern und verlassen die Manege.

Natürlich, Rodtschenko hat auch schon früher Zirkus fotografiert. Die allerersten Bilder hat er 1928 gemacht. Dieses Datum steht auf dem Umschlag mit den vergilbten, zerbrechlichen Zelluloidnegativen. Das heißt, kaum hatte er im Oktober 1928 seine „Leika“ gekauft, da ist er schon in den Zirkus gegangen.
Was hat ihn so gereizt am Zirkus?
Der Zauber und die Freiheit der Ausdrucksmittel – das ist es, was Rodtschenko an der Zirkusvorstellung so schätzte. Er wurde über der Bühne eines winzigen Theaterchen in Sankt-Petersburg geboren. Einer der stärksten Kindheitseindrücke war die Ankunft eines Bauchredners. Puppen in einer Kiste und ein kleiner trauriger Mann, mit dessen Stimme die toten Helden sprachen. Ein ungeheuerlicher Zauber.

Dann kam die Zeit, wo Rodtschenko in den 20er Jahren exzentrische Kompositionen aus im dunklen Raum schwebenden geometrischen Formen schuf. Zirkus – das ist das Erreichen des Unmöglichen, die Fähigkeit, in der Luft, ohne zu Berühren zehn Kugeln gleichzeitig zu halten. Das Laufen auf einem Drahtseil in der Höhe. Fünfmeterhohe Sprünge von einem untergelegten Brett. Auf den Moskau-Fotografien Rodtschenkos aus den 20er Jahren gibt es schwindelerregende Blickwinkel, Aufnahmen von hohen und tiefen Punkten, so wie ein Kind davon träumt, Wunder zu tun. Er sah auch selbst äußerlich wie ein Clown aus – ein früh alt gewordener, ironischer, etwas trauriger Clown.

In den 30er Jahren war der Zirkus wahrscheinlich das einzige Gebiet der Kunst, bei dem die Politik und die staatliche Leitung der Kultur eine viel geringere Rolle spielten als beispielsweise in der Malerei oder der Literatur. „Na und braucht das Land des Sozialismus etwa keine Bauchredner, Zauberkünstler und Jongleure?“, fragt Rodtschenko in seiner Autobiografie „Schwarz und weiß“ im Jahre 1939.

Der Realismus im Zirkus ist sehr bedingt. Die Handlung spielt in dramatischer Dunkelheit und nur der Nummernkünstler zeigt sich der Öffentlichkeit im Scheinwerferlicht, wie unter einer Lupe. Er ist so wie jeder andere Mensch im überfüllten Saal einsam mit seinem Kunststück. Rodtschenkos Zirkus ist eine Metapher für das Leben.

Alexander Lawrentjew

Die Ausstellung wird organisiert vom Multimediakomplex Aktuelle Kunst, Moskau, Kurartorin: Olga Swiblowa

    

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